2020 in a nutshell

2020 in a nutshell

Eine Wunschwelt nach Corona – wir mogeln uns normierte Musterleben zurecht

„Kernfamilie“ „Systemrelevanz“ „Sicherheit im heimischen Haushalt“ „Homeschooling“ – einige Begriffe wurden uns neu beschert, einige hatte ich lange nicht gehört, sie wurden teils neu benutzt und mit Vorstellungen gefüllt.

Keine regelmäßigen Flüge, keine jährlichen Urlaube, keine Ausflüge ins Hotel – wer hält das 2020 noch für Normalität? Aber wer hielt es 2019 eigentlich für normal, alltäglich, zum Leben gehörend? Ein Blick in die Statistik offenbart: „In der gesamten Europäischen Union konnten sich laut Eurostat im vergangenen Jahr 27,6 Prozent der Menschen keine einwöchige Urlaubsreise leisten.“ (WirtschaftsWoche, 2019) Für Flugreisen gibt es globale Erhebungen mit erschreckend ungleicher Verteilung. Wecken wir also die Hoffnung, dass wir alle bald wieder an Traumstrände reisen können. Viele freuen sich sicher, denn das konnten sie sich bisher noch nicht leisten. Urlaub für alle!

Die Kernfamilie. Laut Verordnung „engste[r] Familien- und Freundeskreis.“[1]

Haben wir nichts gelernt? An mühevollen Streits und in langjährigen Verfahren können wir beobachten, was beispielsweise schief läuft, wenn eine Patchworkfamilie vor einem Grab steht (wenn sie gemeinsam steht). Das Erbrecht basiert auf Mono-Ehen, Scheidungen, Adoptionen, Stiefelternschaft – das alles ist hier nicht vorgesehen für den Vollzug der Gerechtigkeit. Für die meisten gibt es nichts zu erben, doch die Moral von dem Exkurs? Sorge vor, sonst holt dich die katholische Familienvorstellung ein. Hättest du vorher Gleichberechtigung geschaffen, müssten wir uns nun nicht wieder fragen, wie viele ihre gelebten Kernfamilien verstecken oder vermissen.

Systemrelevant. Es ist okay, es nicht zu sein. Als Kulturschaffende erfahre ich seit vielen Jahren, dass es an Wertschätzung in vielerlei Form mangelt. Was die Gesellschaft scheinbar braucht, sind vordergründig eben nicht Gestaltungswillen, Muse, Ausdruck, Exzess oder Workshops. Bisher brauchten wir Gold, Autos, Feuerwerk oder ein neues Parfum, außerdem viele, viele Hosen. 2020 sind es endlich vielleicht Krankenschwestern. Warum wir nicht in allen Zeiten einfach anerkennen, dass jede*r über unterschiedliche Talente und Möglichkeiten verfügt und nicht in jedem Fall systemrelevant im systemrelevanten Sinne sein kann, trotzdem Systemrelevanz hat und am Leben zu halten ist. Also auch am Überleben. Lass Grundeinkommen starten!

Hätten wir andere Prioritäten gesetzt, hätten wir das Konzept „Homeschooling“ vorher entwickelt, uns ein stabiles Gesundheitssystem und Internet geleistet, könnten wir auch eine Pandemie leichter überstehen. Aber wofür war und ist das Geld da? Flugunternehmen, wir wollen ja alle wieder in den Urlaub fliegen und viele, viele Hosen!

In meiner fernsehgeprägten Zeit sah ich eine Dokumentation über die Geschlechterunterschiede im Wandel der Zeit und wie die Kirche mit ihrem großen Märchenbuch wissenschaftliche Forschung und Vorstellungen in Archäologie und Ethnologie prägte. Wir sind in der Bronzezeit leider einmal falsch abgebogen. Vermutlich weil sich das Klima veränderte, wurde der Mensch sesshaft und musste seine Nahrung einteilen. So entstanden Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen: Frauen wurden immer kleiner, schwächer, waren in Europa keine Kriegerinnen mehr. Seit der Renaissance manifestieren wir dieses Bild durch alle in dieser Zeit gegründeten Institutionen hinweg. Frauen sitzen nach wie vor in unsicheren Haushalten und in der Bredouille, aber nicht in den Vorständen oder stehen als geachtete Vorgesetzte.

Während einer weiteren Klimaveränderung fragt man sich nun, wer hier eigentlich das Virus ist und wer hier versucht, sein Virus loszuwerden. Ich setze alles auf die Erde, die sich aufbäumt, um sich vom Menschen zu befreien.

Neue Worte, veraltete Konzepte, Schwarz-Weiß-Denken – das meiste würde ich direkt so weiter an die Tonne geben wollen.


[1] „zu anderen Menschen außer den Angehörigen des eigenen Hausstandes auf das absolut nötige Minimum zu reduzieren […], ein Mindestabstand […] von 1,5 Metern einzuhalten und sind weitere Maßnahmen zur Ansteckungsvermeidung zu beachten.“